Matthew Shepard zum Gedenken

Hassverbrechen und ihre Bekämpfung – Ein Gastbeitrag von Herwig Schafberg

„Wir wissen von Deinem Schwulsein, seit Du siebzehn bist. Damals haben einige von uns gelacht, und ein paar haben es Dir eine Zeitlang schwer gemacht. Heute schämen wir uns dafür. Am meisten schämen wir uns, daß wir nie offen mit Dir darüber geredet haben“ (aus einem Brief von Schülern an einen Mitschüler, der wegen seiner homosexuellen Orientierung überfallen und schwer verletzt worden war)

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Der letzte Wahlkampf in den USA war so schmutzig wie keiner zuvor und offenbarte eine tief gespaltene Gesellschaft mit Feindseligkeit auf beiden Seiten: Auf der einen Verzweiflung und Wut, die sich gegen die Elite in Politik, Verwaltung und Medien, aber auch gegen Menschen anderer Hautfarbe, anderen Glaubens und teilweise auch anderer sexuellen Orientierung richtete – auf der anderen Seite Verachtung, mit der Angehörige der politischen Elite und des Nanny-Journalismus auf Menschen reagierten, deren Wut sich in Hass gegen andere äußerte. „When they go low, we go high,“ verkündete Michelle Obama, die First Lady. Doch mit Überheblichkeit kann man Distanz schaffen, vertieft aber im gleichen Maße die Spaltung und trägt nicht zur Beseitigung des Hasses bei, der schon seit langem sein Unwesen treibt und nicht vor Verbrechen zurückschreckt.

Zu den Opfern solcher Verbrechen gehörten insbesondere James Byrd. Jr. und Matthew Shepard, nach denen inzwischen ein Gesetz zur Bekämpfung von Haßverbrechen benannt ist.

James Byrd Jr. war Afroamerikaner, der wegen seiner Hautfarbe von Weißen gelyncht wurde und mit seinem Verhalten ebenso wenig Anlaß zu seiner Ermordung gegeben hatte wie Matthew Shepard, dem seine sexuelle Orientierung zum Verhängnis wurde.

Am 1. Dezember wäre Matthew 40 Jahre alt und damit das, was man früher einen „Mann in den besten Jahren“ nannte. Von solch einem Mann wurde allerdings erwartet, daß er mit einer Frau verheiratet wr und mit ihr Kinder hatte; sonst kam er in Verdacht, homosexuell zu sein, stieß damit auf Vorbehalte und sogar auf Feindseligkeit vor allem in streng religiösen Kreisen. Und das ist teilweise heute noch so!

Matthew war etwa halb so alt, wie er heute wäre, als er am 6. Oktober 1998 in einer Bar der Stadt Laramie im US-Staat Wyoming Aaron James McKinney und Russell Arthur Henderson traf. Die beiden jungen Männer nahmen ihn in ihrem Auto mit, fuhren ihn aber nicht heim, sondern in eine Einöde weit vor der Stadt, raubten ihn aus und schlugen ihn blutig. Wie Freundinnen der beiden Gewalttäter später aussagten, hätte Matthew um sein Leben gefleht. Seine Peiniger hatten aber kein Erbarmen, sondern ließen den Schwerverletzten an einen Zaun gefesselt zurück, wo man ihn erst 18 Stunden später zufällig entdeckte, und brachen zwischenzeitlich in der Wohnung ihres Opfers ein.

Das Blut in Matthews Gesicht war von Tränen verwischt, was darauf hindeutete, daß der Junge noch eine Weile bei Bewußtsein gewesen war und in seiner verzweifelten Lage bitterlich geweint hatte, ehe er seinem Ende entgegen dämmerte. Nachdem die Nachricht von dem Verbrechen sich verbreitet hatte, wurden nicht nur landes-, sondern weltweit Kerzen in der Hoffnung angezündet, daß er überleben möge. Doch er starb am 12. Oktober 1998 auf der Intensivstation einer Klinik, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben.

Am Rande seiner Beerdigung hielten Mitglieder der Westboro Baptist Church den Angehörigen Schilder mit folgenden Aufschriften entgegen: „Matt in Hell“ (Matthew in der Hölle) und „No tears for Queers“ (keine Tränen für Schwule).

Obwohl zur Gemeinde dieser Kirche aus Kansas fast nur rund vierzig Verwandte des Predigers Fred Phelps gehören, ist sie äußerst umtriebig und gehört nach Einschätzung der Bürgerrechtsorganisation „Southern Poverty Law Center“ zu den „rabiatesten Haßgruppen der Vereinigten Staaten“. Mitglieder der Gemeinde sorgten nicht nur bei Beerdigungen von Homosexuellen, sondern auch von Politikern und sogar von Soldaten gleich welcher sexuellen Orientierung für Empörung, wenn sie dort mit Schildern auftraten, auf denen zu lesen war: „God Hates Fags“ (Gott haßt Schwule) oder „Fag Troops“ (Schwulen-Streitkräfte); denn die Homophobie der Westboro Baptist Church geht so weit, daß sie im Irak-Krieg eine Strafe Gottes für die Tolerierung von Homosexuellen sieht und Mitglieder der Kirche beim Begräbnis eines im Irak getöteten US-Soldaten Schilder hoch hielten, auf denen sie Gott für die Tötung von Soldaten dankten.

Einige protestierten auch gegen den Gedenkgottesdienst in einer Katholischen Kirche für Christopher A. Leinonen, der im Juni dieses Jahres bei dem Massenmord eines muslimischen „Gotteskriegers“ im Homosexuellen-Club „Pulse“ von Orlando ums Leben gekommen war. Allerdings bildeten etwa 200 Gegendemonstranten – als Schutzengel mit großen Flügeln verkleidet – einen Ring um die Kirche und blockierten somit das Sichtfeld zwischen den Trauernden und den Protestierenden.

Auf die Idee der Engelsflügel waren schon Freunde von Matthew Shepard gekommen und hatten sich so beflügelt an dessen Beerdigung sowie während des Gerichtsprozesses gegen Matthews Peiniger den Demonstranten der Westboro Baptist Church entgegen gestellt.

Hendersons und McKinneys Freundinnen sagten vor Gericht aus, die beiden hätten geplant, einen Homosexuellen zu berauben. Diese gaben das zu und einer von ihnen räumte nach dem Prozeß ein, er hätte Shepard als leichtes Opfer eingeschätzt und ihn deswegen für den Raub ausgesucht. Während des Gerichtsprozesses hingegen behaupteten die beiden, sie hätten sich durch Matthews homosexuelle Neigungen bedroht gefühlt.

Doch der Staatsanwalt ging davon aus, daß die beiden Angeklagten sich als Homosexuelle ausgegeben hätten, um Matthew Shepards Vertrauen zu gewinnen, und ihn in eine Falle gelockt, in der sie ihn dann ausraubten und so brutal mißhandelten, daß er an den Folgen starb.

Um der Todesstrafe zu entgehen, legte Henderson ein Geständnis ab und belastete auch McKinney, der nur deswegen der Todesstrafe entging, weil Matthew Shepards Eltern um Gnade für ihn baten, obgleich er mit ihrem Sohn keine Gnade gehabt hatte.

Daher wurden beide nicht hingerichtet, sondern nur zu einer zweifach lebenslänglichen Freiheitsstrafe ohne Chance auf vorzeitige Entlassung verurteilt.

Als Reaktion auf das Verbrechen an Matthew Shepard sollte das Hate-crime-Gesetz des Staates Wyoming neugefaßt und durch das Merkmal „sexuelle Orientierung“ des Opfers ergänzt werden. Das fand jedoch ebenso wenig eine parlamentarische Mehrheit wie – analog dazu – eine Initiative des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton auf Bundesebene.
Erst nachdem die Demokraten bei den Wahlen 2006 die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses gewonnen hatten, wurde ein weiterer Versuch zu einer entsprechenden Ergänzung des Begriffs „Haßverbrechen“ im Strafrecht unternommen. Und diese Initiative fand im Repräsentantenhaus wie im Senat mit Stimmen aus beiden Parteien die Mehrheit.

Mit der Unterschrift von Präsident Obama, die sein Vorgänger Bush noch verweigert hatte, erhielt der „Matthew Shepard and James Byrd, Jr. Hate Crimes Prevention Act“ 2009 Gesetzeskraft.

Dieses Gesetz wurde also nach zwei von vielen Opfern eines „Haßverbrechens“ benannt, als ob man mit dieser Benennung dem Tod der beiden einen Sinn geben könnte.
Doch der Tod und schon gar nicht der gewaltsame Tod eines Menschen hat keinen Sinn, auch wenn religiöse Menschen so etwas zu erkennen glauben und fanatische Prediger sich nicht einmal entblöden, die Tötung von Menschen als gerechte Strafe für individuelle oder kollektive Sünden zu rechtfertigen.

Derartige Propaganda ist nichts anderes als ein Appell an den inneren Schweinehund des Menschen. Und wenn ich für eines etwas Respekt habe, dann ist es die Fähigkeit, mit der Kräfte der religiösen Finsternis immer wieder die menschliche Dummdreistigkeit mobilisieren.

Opfer derartiger Propaganda waren möglicherweise auch Aaron James McKinney und Russell Arthur Henderson, die nach der Verurteilung in einem Interview das Verbrechen an Matthew Shepard mit ihrem Verständnis von „Gottes Wort“ begründen wollten. Und mit solch einem Verständnis wären sie in „ehrenwerter Gesellschaft von Evangelikalen, die in Afrika an der Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle mitgewirkt haben, aber auch von Islamisten, die mit Hinrichtungen von Homosexuellen eine breite Blutspur von Zentralasien bis nach Nordafrika ziehen.

Einerlei, ob es gewöhnliche Kriminelle sind oder Menschen, die Gewaltverbrechen religiös zu legitimieren versuchen, offenbaren die einen wie die anderen abscheuliche Defizite in der Entwicklung vom Homo Erectus zum Homo Sapiens und sind radikal zu bekämpfen.

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Foto: © Screenshot youtube aus folgender Dokumentation:

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