Von der Christopher Street ging es bergauf, aber auf Abwegen nach Orlando

von Herwig Schafberg

Am 28. Juni jährte sich der Tag, an dem 1969 in der New Yorker Christopher Street die „Stonewall riots“ begannen und die gay liberation dadurch gewaltigen Auftrieb bekam. Und am 6. Juli ist der internationale Tag des Kusses. Aus aktuellem Anlass fragt Herwig Schafberg: „Wie wäre es, wenn sich an diesem Tag Menschen gleich welchen Glaubens, welcher Herkunft, welchen Geschlechts und welcher sexuellen Orientierung vor den Botschaften jener Länder, in denen Homosexuelle verfolgt werden, und vor den Moscheen, in denen „Schwulenhass“ gepredigt wird, demonstrativ zum Küssen verabredeten?“

Damals – in den sechziger Jahren – galt es in den USA ebenso wie in Europa noch als „anstößig“, homosexuelle Neigungen offen zu zeigen. Das konnte als „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ gewertet und strafrechtlich verfolgt werden. Insoweit waren bestimmte Bars und Clubs die einzigen Rückzugsräume außerhalb ihrer Wohnungen, in denen Homosexuelle ihre Neigungen nicht zu verbergen brauchten. Es sei denn, dass es Razzien der Polizei gab. Solche Razzien endeten häufig mit der Festnahme von Besuchern, die durch ihr Verhalten oder ihr Erscheinungsbild „Anstoß“ erregt hatten: Beispielsweise Transsexuelle oder Transgender, die in Frauenkleidern aufgegriffen wurden.

stonewall

Stonewall Inn in den frühen 70er Jahren (c) CC Wikimedia

So war es auch nichts Neues, als in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 Polizisten eine Razzia in einem Lokal namens Stonewall durchführten und etliche Leute festnehmen wollten. Neu war jedoch, dass sie dabei auf Widerstand stießen, der auf der Straße durch Passanten verstärkt wurde, so dass die Polizisten zurück ins Stonewall flüchteten und darin belagert wurden, bis die Polizei eine Sondereinheit schickte, die massiv mit Stein- und Flaschenwürfen empfangen wurde und Mühe hatte, ihre Kollegen aus dem Stonewall in Sicherheit zu bringen. In den nächsten Tagen kam es in der Christopher Street zu weiteren Protestaktionen, an denen zeitweise mehr als 1000 Menschen teilnahmen.

Daran beteiligt waren vor allem Schwarze und Latinos, die sich durch die Razzien besonders schikaniert fühlten und den Verdacht hatten, dass Festnahmen nicht bloß sexistisch, sondern auch rassistisch motiviert waren. Wie es scheint, war das Stonewall nicht nur, aber auch und vor allem ein Treffpunkt von homo- sowie transsexuellen Schwarzen und Latinos, die keinen Zugang zu vergleichsweise sicheren Clubs hatten, in denen andere ihren sexuellen Neigungen nachgehen und ungeniert das tun konnten, was in der Öffentlichkeit nicht möglich war, ohne damit „Anstoß“ zu erregen: Händchen halten und Küssen.

Seitdem es die „gay liberation front“ gibt, die als Reaktion auf die„Stonewall riots“ gebildet wurde, hat sich viel verändert:

Homosexuelle werden in den USA wie auch in den meisten europäischen Ländern schon lange nicht mehr strafrechtlich verfolgt und dürfen auch nicht länger diskriminiert werden. Mittlerweile sind auf Grund einer Entscheidung des Supreme Court sogar Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern und Partnerinnen zulässig.

Doch die Veränderungen haben nicht überall Zustimmung gefunden. Dass Homosexuelle ihre Neigungen ungestraft ausleben und nun auch noch heiraten dürfen, wird insbesondere von christlichen Fundamentalisten scharf verurteilt. Mitglieder der Westboro Baptist Church entblödeten sich nicht einmal, gegen eine Trauerfeier für Matthew Shepherd zu protestieren, der wegen seiner Homosexualität ermordet worden war, und wünschten ihn zur Hölle, wie auf Plakaten zu lesen war, die sie den trauernden Angehörigen des Ermordeten entgegen halten wollten. Das gelang ihnen allerdings nicht ganz, weil sich Gegendemonstranten – als „white Angels“ verkleidet – zwischen die religiösen Fanatiker und die Trauernden stellten.

Es hätte auch ein Christ sein können, kommentierte ein Journalist der Süddeutschen Zeitung das Attentat, bei dem vor wenigen Wochen im Pulse – einer Bar für Homosexuelle in Orlando – knapp 50 Menschen zu Tode und mehr als 50 verletzt wurden.  Ja, es hätte auch ein Christ sein können oder ein Jude wie jener Glaubensfanatiker, der erst kürzlich in Israel zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, weil er im letzten Jahr eine gay pride parade in Jerusalem überfallen und ein Mädchen erstochen sowie andere Teilnehmer verletzt hatte. Er rechtfertigte sein Attentat damit, dass diese Parade eine „Provokation Gottes“ gewesen wäre.

Doch der Attentäter von Orlando/Florida war weder Christ noch Jude, sondern ein Moslem namens Omar Mateen.

Nach Aussage seines Vaters hatte er sich provoziert gefühlt durch den Anblick von zwei Männern, die sich in der Öffentlichkeit geküsst und damit gezeigt hatten, dass sie nicht so „invisibel“ sein wollten, wie manche es bis heute noch von Homosexuellen erwarten. In der Situation ging es Mateen wohl nicht anders als einigen Kopftuchmädchen, auf die ich eines Tages aufmerksam wurde, als sie laut „iiih“ kreischend zwei Männer, die sich küßten, entdeckten und sich ungeniert im dichten Kreis um diese beiden Männer stellten, als könnten sie sich gar nicht satt sehen an dem Bild, das sie unüberhörbar anekelte.

Omar_Mateen

Omar Mateen (c) CC Wikipedia

Wollte Omar Mateen vielleicht auch seinen Ekel genießen, als er mehrere Male das Pulse besuchte? Dieser Hosenstallschnüffler kannte ja die Bar als Rückzugsraum für Homosexuelle, die dort nicht „invisibel“ sein, sondern aus ihrer Zuneigung für andere Menschen gleichen Geschlechts keinen Hehl machen wollten. War er eventuell einer von denen, die manche abfällig als „verkappte Schwuchtel“ bezeichnen? Er wäre ja nicht der erste gewesen, der seine homosexuellen Neigungen hinter Homophobie verbirgt. Gehörte er möglicherweise zu den religiösen Zwangsneurotikern, die unter Spannungen zwischen ihren sexuellen Begierden und sexualverneinenden Geboten leiden?

Glaubte er, sich davon nur erlösen zu können, dass er vernichtete, was er ebenso erregend wie verwerflich fand, und wollte zudem sein eigenes Leben in religiöser Vorlustspannung – nach dem Verständnis Wilhelm Reichs – und so in tiefer Sehnsucht nach Vereinigung mit Allah auf`s Spiel setzen? Was auch immer von seinem wirren Bekenntnis als Kämpfer des Islamischen Staat (IS) zu halten sein mag war, spricht manches dafür, dass er gläubiger Moslem war und im Glauben an ein gottgewolltes Recht zur Tötung von Homosexuellen handelte.

Gewiss ist, dass der Islamische Staat wenige Wochen vorher seine Anhänger dazu aufgerufen hatte, sich die Hinrichtungspraxis in seinem Machtbereich zum Vorbild zu nehmen und auch woanders – insbesondere im Westen – Homosexuelle zu töten.

Und mit der Hinrichtung von Homosexuellen stehen diese Glaubenseiferer nicht allein im muslimischen Kulturkreis.

„Homosexuelle sollten in der schlimmst möglichen Art und Weise getötet werden.“ Mit diesen Worten wird auf der Internetseite von achgut.com nicht Abu Bakr al-Bagdadi, der zum Kalifen ernannte Führer des IS, zitiert, sondern der schiitische Großajatollah Ali al-Sistani, dessen Milizionäre im Irak Jagd auf Homosexuelle machen und ihnen mitunter die Genitalien abschneiden, bevor sie ihre Opfer töten, oder ihnen den Anus zukleben, damit sie dadurch elendig verrecken. Und Yusuf al-Qaradawi, der zu den einflußreichen Geistlichen auf der sunnitischen Seite des Islam gehört, sieht das so ähnlich. Auf die Frage, wie Homosexuelle nach den Gesetzen des Islam bestraft werden sollten, erklärte er:

„Muslimische Juristen haben unterschiedliche Meinungen über die Bestrafung für diese abscheuliche Praxis. Sollte es die gleiche wie die Strafe für Unzucht sein, oder soll sowohl der aktive als auch passive Teilnehmer zu Tode gebracht werden? Während solche Strafen grausam erscheinen mögen, erscheinen sie angemessen, um die Reinheit der islamischen Gesellschaft zu erhalten und vor perversen Elementen zu bewahren“.

Pervers kommt mir dagegen nicht Sexualität zwischen Menschen gleich welchen Geschlechts vor, sondern – im Sinne Erich Fromms – der Sadismus und die Nekrophilie, mit der solche religiösen Fanatiker Menschen grausam zu Tode quälen lassen wollen und vom Tod geradezu angezogen sind.

Als der Vorsitzende der Berliner Linken, Klaus Lederer, auf einer Feier zum Christopher Street Day (CSD) vor einigen Jahren um eine Stellungnahme zur „Schwulenfeindlichkeit“ des Islam gebeten wurde, wollte er sich vor einer klaren Positionierung drücken und versuchte zu relativieren, indem er darauf hinwies, dass es in der Katholischen Kirche ebenso feindliche Tendenzen gäbe, wurde aber von der türkischstämmigen Bürgerrechtlerin Seyran Ates sofort zurechtgewiesen:

ates seyran

„Ihr könnt hier feiern – egal, was der Papst sagt!“ – Seyran Ates zu dem Linkspopulisten  Klaus Lederer (c) Screenshot youtube

„Die Sache ist doch ganz einfach,“ hielt sie seinem Relativierungsversuch entgegen und wandte sich erfreulich klar differenzierend an die Festteilnehmer: „Ihr könnt hier feiern – egal, was der Papst sagt!“ In Ländern wie Afghanistan, Iran und Saudi-Arabien wäre das jedoch nicht möglich.

In der Türkei auch nicht, könnte sie hinzufügen. Dort werden zwar im Unterschied zu den meisten anderen muslimischen Ländern Homosexuelle nicht strafrechtlich verfolgt, aber gesellschaftlich geächtet sowie bedroht. Das wurde erst im Laufe der letzten Tage wieder deutlich, als türkische Islamofaschisten damit drohten, eine in Istanbul vorgesehene gay pride parade zu überfallen, und die Parade verboten wurde. Diejenigen, die sich verbotswidrig versammelten, wurden auseinandergetrieben und einige von ihnen festgenommen. Zu den Festgenommenen gehörte beispielsweise der deutsche Bundestagsabgeordnete Volker Beck.

Am 6. Juli ist der internationale Tag des Kusses. Wie wäre es, wenn sich an diesem Tag Menschen gleich welchen Glaubens, welcher Herkunft, welchen Geschlechts und welcher sexuellen Orientierung vor den Botschaften jener Länder, in denen Homosexuelle verfolgt werden, und vor den Moscheen, in denen „Schwulenhass“ gepredigt wird, demonstrativ zum Küssen verabredeten?

Einerlei, ob ein Mann eine Frau, ein Mann einen anderen oder eine Frau eine andere küsst, wäre es ein gutes Zeichen, mit der Lichtgestalt des Eros dem Tantalos religiöser Finsternis entgegenzuwirken.

 

Foto: Collage unter Verwendung von (c) By G.dallorto (Own work) [CC BY-SA 2.5 it (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/it/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons (2) By Diana Davies, copyright owned by New York Public Library (Wikipedia:Contact us/Photo submission) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons (3) By Florida Department of Highway Safety and Motor Vehicles (Omar Mateen: 5 Fast Facts You Need to Know) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s